Asiatische Weihnachten. Oder: es gibt immer ein erstes Mal

Ich war noch nie ein grosser Fan von Weihnachten, zumal ich die Feier oft als künstliches Muss wahrgenommen habe. Man kommt zusammen, weil man das muss, weil sich jeder trifft und weil es das ist, was man an Weihnachten macht. Punkt. Doch dieses Jahr war Weihnachten eine komplett neue Erfahrung. Für mich war es das Jahr der Premieren.

asiatische Weihnachtsdeko mit "Kunst-Schnee"

asiatische Weihnachtsdeko mit „Kunst-Schnee“

Es war das allererste Mal, dass ich Weihnachten im Ausland gefeiert habe, tausende von Kilometern von der Schweiz entfernt. Nicht nur war meine Familie abwesend sondern auch meine engen Freunde, mit welchen ich aufgewachsen bin. Weihnachten in einem anderen Land mit komplett anderer Kultur und anderem Glauben. Ein Land, welches nur zu feiern scheint, weil es der Westen macht und es somit einen Grund mehr für eine Party gibt. Zusammen mit Schweizern, Deutschen, Amerikanern und Kambodschanern – die meisten kenne ich seit ein paar Wochen, vielleicht wenigen Monaten.
Es war aber auch das erste Mal, wo Schnee, echte Weihnachtsbäume und Kälte fehlten – das Thermometer würde nicht weniger als 18°C anzeigen. Nicht, dass ich das schlimm gefunden hatte… 😉
Als besondere Abrundung bekam ich einen Berg Verantwortung über etwas, was ich in meinen Leben noch nie gemacht oder erlebt habe – noch nicht mal etwas Vergleichbares.

Es war einmal ein normaler Dienstagmorgen, der 25. November um genau zu sein. Ich stand im Lager und suchte etwas. Die Sonne schien draussen, es war heiss und feucht – wie immer. Ich musste mich beeilen, da in wenigen Minuten die Leitersitzung begann. Alles ganz normal. Gewöhnlicher Alltag. Plötzlich rief ND mich an und fragte, wie es mit dem Planen des Leaders Retreat, welcher bald stattfinden würde, ginge. Ich antwortete, dass alles klar sei und funktionieren sollte. Seine nächste Frage liess meine Haare Berg stehen und sprengte meine Augen fast aus dem Gesicht. Sie war genauso unerwartet wie auch überraschend. Tatsächlich meinte er mit ruhiger Stimme, ohne jeglicher Andeutung von Aufregung oder Witz, ob ich bereit wäre, die Weihnachtsfeier zu organisieren. Ääääähm. Nach ein paar sprachlosen Sekunden fasste ich mich wieder und sprudelte Frage um Frage heraus. Gleichzeitig machten meine Gedanken Loopings und Bungee-Jumps. Äääähm. ND, bist du dir bewusst, dass erwartet wird, dass unsere 800 Gäste ein Fest in einem Ausmass erleben, welches sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen vorstellen könnten? Weisst du, dass alle meine bisherigen Events um einiges weniger komplex und mit höchstens 80 Teilnehmern waren? Weisst du, dass ich so ziemlich die Jüngste und Unerfahrenste in unserem Team bin und ich noch nie mehr als vier Menschen gleichzeitig angeleitet habe? Die hohen Erwartungen waren mir definitiv bekannt und ich zweifelte daran, dass ich ihnen genug entsprechen könnte. Doch das ganze Gedankenkarussell war unnötig, zumal ND sich nicht beirren liess und fest davon überzeugt war, mit mir die richtige Wahl getroffen zu haben. Meine Liebe für Herausforderungen übernahm bald Oberhand und so beendete ich das Telefongespräch mit Annahme des Auftrages. Jedoch konnte ich mir nicht verkneifen zu erwähnen, dass ich für nichts garantieren könne. Seine Schlussfolgerung war simpel: Du kannst das. Punkt. Er ist wahnsinnig herausfordernd, wie man sehen kann und was ich dabei so liebe, ist, wie er an Fähigkeiten glaubt, welcher man sich nicht bewusst ist. 😉

Später in der Sitzung diskutierten wir Ideen. Sobald eine Frage auftauchte, schauten sie mich fragend an, à la: Vivien, wie siehst du das? Ehrlich gesagt, bis dahin habe ich mir noch keinen einzigen Gedanken über die Weihnachtsfeier gemacht, deshalb versuchte ich auszuweichen, indem ich sagte: „ich werde darüber nachdenken“ oder „äh, ich denke, dies oder jenes wäre sinnvoller – was meinen die anderen?“ … Es machte Spass, ja, doch ich wusste, dass ich gerade einen ungeheuren Berg von Arbeit übernommen habe, von welchen ich noch nicht wusste, wie er aussehen würde und wie ich ihn abarbeiten sollte.

Die darauffolgenden Tage (nach dem Retreat natürlich) verbrachte ich damit, mir ein System auszudenken. Ich kreierte Listen, machte mir Notizen, versuchte an alles zu denken. Glücklicherweise war ich fast nicht ins Programm involviert, hauptsächlich musste ich „nur“ alles rundherum organisieren. Mit der Zeit hatte ich unendlich viele verschiedene Listen, welche mich vom Verlieren des Überblicks bewahren sollten. Meine Notizen waren überall verstreut: im Notizbuch, in Apps auf dem Handy, auf dem Laptop, auf Papier – was auch immer zur Hand war, wenn ich einen Einfall hatte. Einmal benutze ich sogar eine Serviette. Sie waren eine wilde Mischung von Schweizerdeutsch, Deutsch und Englisch. Innerhalb von einem Thema war es gut möglich, dass ich die Sprache mehrmals wechselte. Das ist eines der Probleme, die man hat, wenn man in mehreren Sprachen schreibt und denkt. Und wenn man in so einem internationalen Team arbeitet. Hoffentlich werden meine Notizen irgendwann kambodschanisch sein 😉

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Die Anzahl Stunden Schlaf nahm ab. Freizeit existierte immer weniger. Mein Kaffeekonsum nahm zu. Das erinnert mich an einen Abend, wo ich mit Miri in ein Café ging und den grössten Kaffee der Stadt bestellte. Die Internetverbindung war überraschend schnell. Die Atmosphäre war genial um sich zu konzentrieren und ich erwischte mich, wie ich bis um Mitternacht arbeitete. Ich war fest entschlossen, gewaltige Arbeit zu leisten. Ich war wahnsinnig motiviert, das beste Fest in ganz Kambodscha zu organisieren. Ich wollte mehr als mein Bestes geben, über meine Grenzen hinausgehen – wo waren die Grenzen nochmals? Alles oder nichts für Siem Reap! Neben den hohen Erwartungen vom Leitungsteam fokussierte ich umso mehr unsere Gäste. Mein Wunsch war es, dass sie sich an jenem Abend speziell fühlten, dass sie sich wie im Himmel auf Erden vorkamen. Ich wollte, dass sie überglücklich waren, von dem Moment an, wo sie das Ticket erhielten bis sie nach dem Event müde ins Bett fallen würden. Ich wusste, dass es für die meisten der 800 Gäste das erste Mal sein wird, dass sie die geniale Weihnachtsgeschichte hören, sowie auch Weihnachten in solch einem Ausmass feiern. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf fand ich es nicht schlimm, täglich bis in die Nacht zu arbeiten. Ich nahm mir kaum Zeit für andere Sachen, welche ich theoretisch machen würde, wäre ich weniger beschäftigt. Eine Gewohnheit behielt ich jedoch: 3mal die Woche Fahrrad zu fahren. Dies war nicht nur eine der besten Gelegenheiten, für eine Stunde den Kopf zu lüften, sondern liess mich auch vor 6 Uhr aufstehen, was mir einen guten Rhythmus für den ganzen Tag gab.
Neben der ganzen Organisation war ich auch verantwortlich, den Countdown zu machen. Wie immer war ich mit Kambodschanern unterwegs um die Videos aufzunehmen und bearbeitete dann die einzelnen Filmausschnitte in einer anderen Nacht- und Nebelaktion.

Natürlich verkaufen sich Tickets nicht von selbst. Wir alle waren dafür verantwortlich, unsere Freunde und VIP’s einzuladen. Mehrere Stunden verbrachte ich damit, Freunde zu besuchen und einzuladen. Ich besuchte Vichhay im Spital, Sros und Fa auf Märkten, Veasna in einem Restaurant, Sreyphay im Massagesalon, ……. . Die, die ich nicht finden konnte, kontaktierte ich über Facebook und Co. So lud ich einen nach dem andern ein. Ich könnte über jede Persönlichkeit einen eigenen Eintrag schrieben. Aber um das Ganze kurz zu fassen, lass es mich simpel ausdrücken: Jede einzelne Person war extrem glücklich. Es war unzahlbar ihre Gesichtsausdrücke zu sehen, das Strahlen in ihren Augen und das breite Lachen. Ich bin mir nicht sicher, ob du das verstehst, doch jedes Mal, wenn ich jemanden einlud, fühlte es sich für mich selber wie Weihnachten an. Mache jemanden glücklich und du selbst wirst umso glücklicher sein. Es war viel mehr wert als die paar Dollar, die ich für das Ticket bezahlt hatte.

Die schönste Reaktion kam von einem Jungen aus der Kirche. Weder er – selber noch Schüler – noch seine Familie hat Geld. Ich gab ihm drei Tickets und versuchte ihm mit meinem begrenzten Khmer-Wortschatz klarzumachen, dass er zwei Freunde mitnehmen sollte. Als er das Geschenk entgegennahm, weinte er beinahe – und war zugleich sprachlos und überglücklich. Das nächste Mal, als ich ihn sah, übergab er mir einen kleinen Brief, in welchem stand, dass ich ihm eine Riesenfreude gemacht habe. Zudem dankte er für die Tickets und dass ich auch sonst immer für ihn da wäre. Er wünschte mir, dass ich im Jahr 2015 an Schönheit und Intelligenz zunehme… Süss, oder?! Ich wundere mich immer noch, wie er es fertigbrachte, einen englischen Brief zu schreiben. Vielleicht hat er sogar einen Kumpel gefragt, ihm zu helfen?!

Eine Woche vor Weihnachten – welche für uns am 21. war – kamen fast zwei Dutzend Gäste aus aller Welt. Sie waren motiviert zu helfen, wo auch immer wir sie benötigten. Das gab mir die zusätzliche Aufgabe, sie anzuleiten und ihnen Arbeit zu geben (z. B. Weihnachtsbaum anfertigen). Ausserdem musste ich für jede einzelne Person einen Einsatzplan machen, wann sie am Sonntag wo was machen mussten. Auch dies war wieder absolut neues Terrain. Alles musste gut und detailliert organisiert sein, sodass das Aufstellen selber wenig Zeit beanspruchte und die Party so perfekt wie möglich sein würde. Zu diesem Zwecke hatten wir eine grosse Sitzung am Freitagmorgen, in welcher ich alle verschiedenen Aufgaben, Teams, etc. erklärte und vorstellte. Einmal mehr war es das allererste Mal, dass ich vor so vielen Leuten in Englisch was sagen würde. Es war eine aufregende Erfahrung und irgendwie mochte ich es…

Eventmanagerin zu sein mag vielleicht interessant und toll klingen. Doch in der Tat gibt es extrem viele Herausforderungen und Hürden, welche den ganzen Job erschwerten. Zum Beispiel – und dies mag wohl das schlimmste sein – musst du alles wissen. Zumal du schlussendlich die Verantwortung über allem hast, musst du sicherstellen, dass alle ihre Aufgaben sauber ausführen. Das heisst, ich musste bei allen immer wieder nachfragen und nachkontrollieren und dies konnte die einen oder anderen beleidigen, weil sie sich vielleicht zu kontrolliert vorkamen. Dazu kamen die sprachlichen und kulturellen Unterschiede, welche alles erst recht verkomplizieren können. Es kam so oft vor, dass man sich missverstand… Ganz ehrlich, manchmal war ich nahe daran, aufzugeben, weil der ganze Arbeitshaufen mich zu überwachsen drohte. Doch dann erinnerte ich mich immer daran, dass um mich herum Menschen waren, welche an mich und meine Fähigkeiten glaubten. Aufgeben ist keine Lösung. Ich war sehr dankbar für meine Mitarbeiter und besonders meine Chef’s, welche mich dauern ermutigten und unterstützten.

Alles in allem war ich sehr zufrieden. Unsere Gäste verliessen die Party mit einem Lächeln auf den Lippen. Viele dankten uns für diese unglaubliche Erfahrung. Es ist unnötig zu sagen, dass nicht alles genau so funktionierte wie erhofft. Zum Beispiel fehlten einige Helfer wegen Krankheit und dies liess mich einige Sachen superspontan ändern. Jedoch war ich so glücklich zu sehen, dass das Team überhaupt nicht heikel sondern sehr flexibel war. Und zuletzt muss ich noch sagen, dass ich echt gestaunt habe, wie alle motiviert waren zu helfen und zu tun, was ich ihnen auftrug. Für mich persönlich war es ein Wunder, dass ich es irgendwie geschafft habe, ein so grosses und internationales Team zu leiten. Fast jedes Mitglied war älter und lebenserfahrener als ich. Um ehrlich zu sein, ich hätte nie gedacht, dass ich genug qualifiziert für sowas wär – und sicherlich habe ich auch einige Fehler dabei gemacht. Manchmal frage ich mich, wie es trotzdem gekommen ist, dass alles so super funktioniert hat. Ich bin mir sicher, dass Gott seine Finger im Spiel hatte und mich Tag und Nacht anleitete und unterstützte.

Nach der Weihnachtsparty fragte ich mich, ob Eventmanagerin wirklich die richtige Aufgabe für mich ist. Privat gesehen bin ich alles andere als organisiert, Pläne machen gehört nicht zu meinem Alltag, zumal ich finde, das solches Zeug mich mehr limitiert als fördert. Aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass es das Richtige war. Warum? Weil es ein Weg ist, Menschen von Gott hören zu lassen, die Gute Nachricht mit ihnen zu teilen. Und dies nicht nur mit zwei, drei, sondern hunderten von Leuten zur gleichen Zeit. Schlussendlich ist es aber auch einfach nur wunderschön, Menschen so glücklich zu machen, sie fühlen zu lassen, dass sie geliebt sind und sie ein bisschen Himmel auf Erde erfahren lassen.
Und dies macht mich umso glücklicher.

  • Robert Bachmann

    Einfach wunderbar, was du erleben darfst! Das glaube ich auch: …dass Gott seine Finger im Spiel hatte und dich Tag und Nacht anleitete und unterstützte. Unser fürsorgliche Gott! Das macht er so gerne, wenn er damit seine Herrlichkeit und Liebe so vielen zeigen kann.
    Daddy