Das geordnete Verkehrschaos

Der Verkehr in Kambodscha unterscheidet sich vielleicht ein kleines bisschen von was du dir gewohnt bist. Es kann viel Zeit beanspruchen, bis man sich einigermassen sicher fühlt. Es hat haufenweise Motorräder, Fahrräder, Tuk Tuk’s und vergleichsweise nur wenige Autos auf der Strasse. Das Ganze sieht wie ein einziges Durcheinander aus, funktioniert jedoch ziemlich gut.

DSCN9398

Platte, eiernde oder wackelnde Reifen gehören zur Tagesordnung. Ich hatte schon zwei Mal einen Platten. Aber Gott sei Dank waren beide Male Mechaniker in der Nähe. Das erste Mal passierte bereits nach drei Wochen auf einer langen, geraden Strasse, ein bisschen ausserhalb der Stadt. Aus dem Nichts kam ein kleiner Bube und zeigte mit dem Finger auf eine Miniwerkstätte. Kleiner Engel. Ohne ihn hätte ich nicht gewusst, wohin zu gehen. Bereits drei Mal ist mir das Benzin ausgegangen – was ich natürlich meiner eigenen Faulheit und Unaufmerksamkeit zuschreiben muss. Einmal passierte es mir in der Mitte der Kreuzung. Super Timing. Es ist aber ziemlich amüsant, wie viele lachende Gesichter du siehst, während du das Motorrad zur nächsten Tankstelle stosst… 😉

Auch normal sind Rost, kaputte Fenster, fehlende Türen, Beulen, … . Niemanden interessiert es. Es gibt keine Fahrzeugkontrolle. Ein nicht überladenes Lastfahrzeug ist noch nicht startklar. Ein leeres Dach auf einem Auto ist Platzvergeudung. Während dem Fahren den Anruf nicht zu beantworten Zeitvergeudung. Ein Familienausflug mit mehr als einem Motorrad Benzinverschwendung. Ein Kind sitzt zuvorderst, dann kommt der Fahrer, dann noch ein Kind und zum Schluss die Frau, womöglich mit einem Baby – oder ähnlich. Keine grosse Sache. Ein Helm wird höchstwahrscheinlich – wenn überhaupt – nur vom Fahrer getragen, was auch das Gesetz ist. Der Rest kann nur noch hoffen, in keinen Unfall zu geraten.

Kein Wunder also, dass des öfteren ein Fahrzeug im Dreck steckenbleibt oder auf der Strasse liegen bleibt. Während der Regensaison ist die Wahrscheinlichkeit natürlich umso höher, zumal die Strassen nicht annähernd so geschmeidig wie im Westen sind. Zumal Material hier extrem teuer ist und eventuell auch das Wissen fehlt, werden Strassen nicht nach westlichem Standard gebaut. Meistens schütten sie erst viel Kies hin, welches sie ein bisschen zusammenpressen, um dann darüber eine ultradünne Schicht zu teeren. Das ist offensichtlich keine langfristige Sache. Es gibt kaum Strassenabschnitte, welche keine Risse, Unebenheiten oder Schlaglöcher haben. Andere Strassen, wie zum Beispiel die zu meinem Apartment, sind sogenannte Schotterstrassen, welche grundsätzlich einfach aus rotbrauner Erde, Dreck und Staub bestehen. Diese haben umso mehr und höhere Unebenheiten und riesige Schlaglöcher. Manchmal werden jene mit Kies oder Dreck aufgefüllt. Manchmal werden diese Strassen sogar gewässert, weil es sonst zu staubig wäre. Manchmal ist ein Teil der Strasse weggeschwemmt. Am Ende der Regensaison ist der Wasserpegel so hoch – eigentlich nur wenige unter der Erdoberfläche -, dass es nicht viel Regen braucht um Felder und Strassen zu überschwemmen. Ein gutes, funktionierendes Abwassersystem, welches das Wasser rasch abfliessen lassen würde, ist nicht wirklich vorhanden.

Und ja, es existieren Verkehrsregeln. Regeln wie: Der Stärkere gewinnt. Oder: Wer zuerst oder schneller ist, soll zuerst fahren. Oder: Egal, wo du wenden willst, die hinter dir müssen aufpassen – nicht du. Überhole, wann auch immer du eine Lücke findest – egal, ob links oder rechts. Fahre, wo auch immer du dich wohl fühlst. Rechts abbiegen ist immer erlaubt, auch wenn die Ampel rot ist. Grundsätzlich solltest du auf der rechten Fahrspur fahren, wenn du Schwierigkeiten hast, dorthin zu gelangen, dann bleibe links, bis es die Gelegenheit gibt, zu wechseln. Hupe, wenn etwas falsch erscheint – zumindest deiner Meinung nach. Mit dem Handy in der Hand fährt es sich noch ein bisschen besser. Das Helmtragen als Fahrer, Einbahnen und Ampeln werden nur während den Arbeitszeiten der Polizei kontrolliert, in der Nacht sollten dich diese Regeln nicht mehr so fest belasten.

Führerscheine können gekauft werden. Keine Überraschung also, dass sich kaum jemand an Grundregeln hält, geschweige denn überhaupt essentielle Verkehrsregeln kennt. Am schlimmsten sind die Autofahrer. Erstens fahren diese langsam – was vielleicht manchmal besser für deren Sicherheit, aber nicht wirklich hilfreich für den Verkehrsfluss ist. Aber noch viel gefährlicher ist, dass sie nicht wissen, wie man die Spiegel (falls vorhanden) benutzt, wie man sich im Verkehr bewegt, wie man allgemein sicher fährt. Es sollte erwähnt werden, dass Autos ein Statussymbol sind. Es gibt viele Menschen, die dafür Schulden machen – und ich denke nicht, dass sich jene noch gross um die Lizenz kümmern.

Kambodscha wird auch „Königreich der Verwunderung/Wunder“ genannt – was irgendwie zum Verkehrssystem passt. Manchmal wundere ich mich, wieso es nicht noch viel mehr Umfälle und Verletzungen gibt…
Vielleicht passen sie ja doch mehr auf, als man meint…?
Es wird gesagt, dass der Verkehr besser funktioniert, wenn die Ampeln ausgeschaltet sind (was immer wieder vorkommt).
Das verwundert nun wirklich, oder?!