Die etwas andere Kultur von Kambodscha

Natürlich unterscheidet sich die kambodschanische Kultur von solchen der Länder ausserhalb von Asien. Sogar auch in Asien selber variieren gewisse Merkmale nicht selten. Wie bei anderen Ländern setzt sich die Kultur aus einer Mischung von den Einflüssen anderer Nationen, Geschichte (lies diese hier), Religion, Regimen und ihren Regeln zusammen. Ausserdem beeinflussen positive und negative Erfahrungen sowie auch neue Trends die Gewohnheiten, meist in einem Prozess, der Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte dauern kann. Kambodscha’s Kultur ist extrem komplex. Infolgedessen ist es auch nicht immer einfach, sie zu verstehen und richtig umzusetzen. Ich habe bereits viel gehört, gesehen, erfahren, gelesen und werde nun versuchen, einen Überblick zu vermitteln. Zudem will ich versuchen, einige Hintergründe weiterzugeben, welche oft meiner persönlicher Ansicht entsprechen. Bitte verstehe, dass schlussendlich jede Person verschieden ist, daher gibt es Menschen, zu welchen diese Beschreibungen ziemlich gut passen und natürlich auch solche, die merklich anders sind.

Culture

Wie einige Charakteristika sind
Kambodschaner schreien einander nicht an. Je wichtiger eine Diskussion wird, umso leiser reden sie. Zum Beispiel, wenn du an einem Marktstand um einen Preis feilschst, senkst du besser deine Stimme. Auf diese Art und Weise werden sie dir mehr Respekt entgegenbringen und du wirst mehr Erfolg haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies von der Vergangenheit kommt: Kambodscha hatte so viele verschiedene, brutale Führungspersonen und -gruppen und Kriege, wo sie wahrscheinlich immer wieder mal angeschrien wurden (z. B. Befehle). Und so hat sich das Ganze um 180° gedreht – als ob ein Gegenpol gesetzt werden soll.
Hilfreich ist immer, Geduld zu zeigen und es nicht eilig zu haben. Je länger du wartest und zögerst, um so mehr Rabatt geben sie dir. Die Zeit hat hier eine andere Bedeutung als in der Geschäftswelt vom Westen. Was du heute nicht fertig machen kannst, mach morgen. Oder übermorgen. Oder eine Woche später. Ich liebe diese beiden Merkmale, sie geben dem Leben einen lockeren Touch. Jedoch meint dies auch, dass sie nicht gross Wert auf Pünktlichkeit legen – und dies ist etwas, wo wir Schweizer bekannt dafür sind …

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Unehrlichkeit und Korruption sind normal und alltäglich. Während der Herrschaft der Khmer Rouge waren Lügen und Bestechungen eine Art Lebensversicherung. Zu jener Zeit wollten natürlich alle überleben und manchmal wurde dies durch eine Lüge ermöglicht. Das heisst nun also: Für die ältere Generation war es eine Überlebenstaktik und die neue Generation wurde nie gelehrt, dass dies nicht angenehm ist für das Gegenüber. Heutzutage wird nach wie vor noch viel gesagt, was nicht unbedingt wahr ist. Aber sobald man sie darauf hinweist, dass es nicht nett und vielleicht sogar verletzend war, sehen sie dies ein und kriegen manchmal ein schlechtes Gewissen.
Ähnlich ist es mit der Korruption, welche wahnsinnig offensichtlich stattfindet und weitverbreitet ist. Jedoch bin ich mir sicher, dass es hier eine Veränderung geben wird. Vor allem die Regierung ist so korrupt, dass junge Leute beginnen zu realisieren, dass dies das Leben für die „normale“ Bevölkerung überhaupt nicht verbessert. Ich hoffe für Kambodscha, dass ein Weg gefunden wird, sich dagegen zu wehren. Das beste kommt noch!

Das führt uns direkt zum nächsten Punkt: sich schlecht und beschämt fühlen, Schüchternheit und Indirektheit. Abgesehen davon, dass sie scheu und zurückhaltend sind, vor allem wenn es um das Privatleben geht, sprechen sie ihre Ideen nicht so oft und klar aus wie in anderen Kulturen. Es ist üblich, um den heissen Brei herumzureden und dies bringt eine grosse Herausforderung mit sich, richtig herauszufinden, was genau gemeint wird. Eigentlich kann es aber auch angenehm sein, denn sie kritisieren nie haarscharf. Auf der anderen Seite jedoch, müssen wir Ausländer bei unserer Wortwahl extrem vorsichtig sein. Und dies ist ziemlich schwierig, da wir ja theoretisch eine direkte Art der Kommunikation in uns haben.
Meine kambodschanische Freundin meinte einmal: „Es ist ziemlich einfach mit uns Khmer in Kontakt zu treten, aber genauso einfach ist es, diese Verbindung wieder zu trennen.“
Sie sagte dies auch in Bezug auf die Tatsache, dass man jemanden sehr schnell verletzen kann und sie sich auch schnell schämen. Ganz oben auf der Liste der „dos/don’ts“ ist, dass man das Gesicht nicht verlieren soll. Ein falsches Wort oder ein zu direkter Satz kann schon einige Folgen haben, wenn nicht sogar die Trennung der Freundschaft bedeuten. Und jemanden vor anderen Leuten zu kritisieren würde es umso mehr verschlimmern. Was auch mit dem Gesicht-verlieren zu tun hat, ist, dass man nicht zu viele Emotionen zeigen soll. Du merkst ihren Gesichtern nicht wirklich an, ob sie wütend sind oder dich nicht verstehen. Sie würden dann einfach weiterlächeln und freundlich sein auch wenn sie sich sehr angegriffen fühlen.

Wie sie einander behandeln
Lass es mich in einem Satz beschreiben: Je älter, desto weiser und desto mehr Respekt verdient man.

Geld verdienen ist schwierig und oft muss sowohl die Mutter als auch der Vater sechs oder sogar sieben Tage die Woche arbeiten. Das älteste Kind ist oft für den Haushalt verantwortlich, sowie muss sich um die jüngeren Geschwister kümmern. Die Eltern sind zu respektieren und die Grosseltern sowieso. Aber schlussendlich ist immer noch der Vater der Kopf der Familie.

Dieser Respekt für ältere Leute ist nicht nur innerhalb der Familie spürbar. Es betrifft eigentlich alle. Man bemerkt dies am meisten bei der Begrüssung, welche man „sampeah“ nennt. Beide Leute legen ihre Hände zusammen, während man sich leicht beugt. Es gibt verschiedene Positionen für die Hände: Bei der „tiefsten“ berührt man das Kinn mit den Fingerspitzen. Diese ist für Freunde oder jüngere Personen gedacht. Je höher man die Hände hat, umso mehr Respekt zeigt man dem Gegenüber.

Überdies sprechen sie einander nicht nur mit dem Namen an, sondern verwenden zusätzlich verschiedene Anredeformen. Für jüngere Leute sagt man „Phon/e (Bruder/Schwester) Name“. Zudem gibt es mehrere Anreden für ältere Personen: die meistgebrauchte ist „Bong Srey/Pros / Bong Name“ (Schwester/Bruder / Schwester/Bruder Name). Zusätzlich existieren noch andere Formen für Leute, die je nachdem älter resp. jünger als deine Eltern sind. Und diese Worte drücken dann noch ein bisschen mehr Respekt aus. (Ich will dies nun nicht unnötig verkomplizieren, darum erwähne ich sie nicht.)
Es ist nun aber nicht so, dass diese Begrüssungen und Anreden immer gebraucht werden. Dies ist wohl von der Situation abhängig, sowie auch davon, wie die jeweiligen Leute erzogen wurden.

Wie sie lieben
Es ist nicht einfach, abschliessend zu sagen, wie es heutzutage ist. Auf jeden Fall ist es eine Tatsache, dass die Familien früher Hochzeiten arrangierten. Ich schätze, dass dies auch heute noch der Fall ist, doch sicherlich gibt es auch Paare, welche die „westliche Art“ leben, also sich verlieben, die/den Richtige/n suchen, usw. Trotzdem ist es ein grosses Tabu, Zuneigung in der Öffentlichkeit zu zeigen. Gleichzeitig sind Berührungen zwischen gleichen Geschlechtern viel akzeptierter als im Westen und dies muss dann auch überhaupt nicht homosexuell gemeint sein. Alles in allem denke ich, dass sie es mögen, einander zu berühren, sei es in Form einer Umarmung, einem Klaps, einem leichten Drücken der Schultern oder ähnlich.
Ich kann mir gut vorstellen, dass dies von dem kommt, was ich als erstes erwähnte. Lass uns ehrlich sein, jeder braucht Zuneigung, manchmal ein kleines Zeichen von Liebe oder ein bisschen Körperkontakt. Und da sie nicht erlaubt sind, dies mit ihrer ausgewählten Person auszutauschen, umarmen sie eben beispielsweise ihre besten Freunde.

Sign in front of a Thai temple, similar to those in Cambodia

Schild in einem thailändischen Tempel – ähnlich zu solchen in Kambodscha

Interessanterweise werden Füsse als unrein angesehen und sind somit das „geringste“ während der Kopf das „höchste“ darstellt, zumal geglaubt wird, dass dieser die Seele enthält. Dies ist auch der Grund, warum es unhöflich ist, des anderen Kopf oder Fuss zu berühren, oder mit den Füssen auf jemanden zu zeigen. Je enger die Freundschaft ist, um so weniger wichtiger werden diese Tabus.

Wie sie sich kleiden
Ja, die Einheimischen haben einen anderen Style oder wohl eher andere Regeln – aber nein, grundsätzlich tragen sie nicht traditionelle Kleidung wie Menschen aus gewissen Teilen von Afrika. Es ist einfach, sich angemessen zu kleiden: Hauptsache ist, dass Schultern sowie Knie bedeckt sind (und natürlich alles, was „dazwischen“ ist). Wie ich beobachtet habe, halten sie sich selber in, sagen wir, 85% der Fälle daran. Es scheint jedoch, dass wunderschöne Kleider eine Ausnahme sind und manchmal tragen sie auch ein T-Shirt oder kurze Hosen, welche Schultern resp. Knie nicht (ganz) bedecken. Wir vom ICF kleiden uns ähnlich. Ich finde es vor allem für junge Frauen sinnvoll, eher mehr als weniger zu bedecken.

Meistens laufen sie in Flip Flops umher. Sobald sie ein Gebäude betreten, ziehen sie diese ab und bewegen sich mit baren Füssen.

Wie sie Ausländer sehen
Die meisten Sachen, die über Ausländer, vor allem Touristen gesagt werden, sind irgendwie verständlich. Für Kambodschaner sind sie einfach nur reich, haben alles, was sie wollen und nicht immer sehr freundlich, wenn nicht sogar arrogant. Ausserdem lieben die Khmers die weisse Haut, die verschiedenen Haar- und Augenfarben, die Form der Nase und finden Ausländer sowieso wunderschön. Die Jüngeren denken noch positiver, sie mögen sie sehr. Für sie stellen die Ausländer eine Chance dar, ihre Englischkenntnisse zu verbessern – und sie lieben es in Fotos zu sein, resp. sich mit ihnen fotografieren zu lassen.
Die folgenden zwei Beispiele untermalen dies super. Es sind zwei kleine Stories, die ich letztes Jahr erlebt habe:
Einmal spazierte ich am Fluss entlang. Ein Teenager-Girl sass auf einer Bank. Als sie mich erblickte, kam sie zu mir und fragte mich, ob ich ein bisschen Zeit hätte, um mit ihr zu reden und ihr Englisch zu trainieren…
Als ich für den Countdown arbeitete (sieh ihn dir hier an), filmte ich unter anderem in einem Schönheitssalon. Sobald ich mit der ersten Aufnahme fertig war, kamen andere Frauen dazu und fragten, ob ich auch mit ihnen ein Foto machen würde…

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Du siehst nun sicherlich, dass es sehr wichtig ist, Respekt zu zeigen und sich angemessen zu verhalten. Wenn man jedoch diesen Sachen Beachtung schenkt und ein bisschen vorsichtig bei der Wortwahl ist, ist es nicht allzu schwer, eine geniale Zeit zu erleben und Freunde zu finden.

Wie gesagt, dieser Eintrag dient nur zur Gesamtübersicht. Sicher könnte man noch vieles mehr beschreiben. Wenn du in einem Punkt nicht einverstanden bist oder findest, dass ich etwas Wichtiges weggelassen habe, zögere nicht, einen Kommentar zu hinterlassen. Und natürlich sind auch positive Feedbacks jederzeit willkommen. Natürlich darfst du das auch gerne teilen, ich denke, es sind wichtig Punkte, die jeder wissen sollte, der Kambodscha besucht. 🙂