Die Verwandlung einer Wiese

Ein weites Land, leer, nur eine einzige Palme wächst krumm gen Himmel. Eine Wiese am Stadtrand. Geflutet in der Regensaison. Vertrocknet in der Trockensaison. Nur eine holprige, sandige Strasse führt dorthin. Aber es gab nicht viele Gründe, hinzufahren. Eigentlich keine.

UNSER VERSPROCHENES LAND.

Im Januar 2015 begannen wir zu graben – jedoch nicht für Gold. Graben um den restlichen Teil des Landes aufzufüllen. Normalität in Kambodscha. Und als wir gruben, wurden wir mit viel Grundwasser konfrontiert, welches uns zur Entscheidung brachte, das matschige Loch in einen See zu verwandeln. Wasserpumpen waren bemüht, das Wasser zu entfernen. Mitten in der Bausaison waren über 100 Arbeiter beschäftigt – sie legten Stein nach Stein am Ufer entlang, um es mit dem sogenannten RipRap zu sichern. Andere füllten die Löcher mit Zement. Oder fuhren Erde aus dem Loch heraus. Oder flickten die Wasserpumpe. Oder den Bagger. Maschinen sind gut, stark, schnell – und schnell kaputt. Sie sehen auch aus wie antike Monster. Wie auch immer, wir leben in Kambodscha. Dies ist Routine und sollten eigentlich relaxt sein – obwohl wir wissen, dass die Regensaison nicht auf uns warten wird und die Deadline immer näher und näher kommt.

Zur gleichen Zeit begann der Bau des Hauses für Badezimmer und theoretisch für unser neues Büro. Doof nur, dass noch während dem Bau unser Team so gross wurde, dass es niemals in das Haus passen würde. Aber wir machten fertig, was wir starteten und suchten einfach einen anderen Zweck für diese Räume. Heutzutage unterrichten wir unseren Staff sowie Kindern unter anderem Englisch, ausserdem nutzt die Kids Church die Räumlichkeiten für ihr Kleinkind-Programm. Es ist gut, wie es ist.

Später errichteten wir ein riesiges Dach mit einem Spielplatz aus Reifen und anderen coolen Features. Ende 2015, zog dann endlich die Kids Church auf den Campus. Endlich konnten wir wieder rennen, wild spielen, grösser wachsen und lauter sein. Keine Nachbarn fühlten sich in ihrer Ruhe gestört, weil, naja, es gibt keine Nachbarn. Der Campus blieb eine Baustelle. Zumal wir auf Geld angewiesen waren, konnten wir den Zementboden für die Kids Church erst nach ein paar Monaten bauen. Gefolgt wurde dieser von anderen Installationen wie etwa bewegbaren Tribünen, Lautsprecher, usw. Die Kinder kümmerten sich nicht allzu sehr um das raue Aussehen. Sie kamen sowieso, hielten Ausschau nach Liebe, Spass, Abenteuer, einer Abwechslung in ihrem Alltag. Sie sind nicht heikel. Und es ist einfach, ihnen zu dienen. Und wir lieben es, sie zu verwöhnen.

Im August 2016 fand unsere erste Teenager Celebration (ONEIGHTY) auf dem Campus statt. An manchen Samstagen regnete es so fest, dass wir alle tropfnass wurden. Aber hey, das kann uns nicht bremsen. Wir dachten über Lösungen nach und entschieden uns, das halbe Dach in eine Celebration Hall umzuwandeln. Für die nächsten Monate sammelten wir das benötigte Geld. Dieses Jahr dann konnten wir endlich Wände und eine Bühne bauen, Container für Lagerraum kaufen und einen Wegplan kreieren. Und über die Monate wurden mehr und mehr Anschaffungen getätigt.

Jede Woche wurde es besser. Jede Woche ist etwas neu oder anders.

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Schliesslich wurde auch die letzte Celebration – die für die Erwachsenen – im August 2017 auf den Campus verlegt. Endlich konnten wir wieder atmen. Wieder springen. Wieder tanzen. In unserer Stube in der guten alten ICF Villa war es überfüllt. Und wenn ich ehrlich sein darf, ich mochte sie seit längerer Zeit nicht mehr. Bezeichne mich als voreingenommen, aber die Celebrations auf dem Campus machen sooo. viel. mehr. SPASS.

Auf diesen Moment habe ich seit meinem ersten Arbeitstag auf dem Campus im 2015 gewartet. Es war das grosse Bild, das mich durchhalten liess, wenn wegen den kaputten Maschinen genervt war. Das mich von Zeiten mit mehr Leben träumen liess, wenn ich mich isoliert fühlte. Das mich herumrennen liess, wenn Probleme auftauchten, Deadlines näher kamen, die Hitze unerträglich wurde. Das mich weiter versuchen liess, wenn ich frustriert war wegen der Sprache, der Kultur, den Problemen in der Leiterschaft der Einheimischen. Es war pure Motivation zu denken, dass es dies alles irgendwann wert war – der Schweiss, die Nerven, die Mühe. Und hunderte von Menschen den Campus wöchentlich besuchen werden – voller Erwartung inspiriert und ermutigt zu werden.

Jedoch entwickelte sich nicht alles so, wie ich es mir wünschte. Zwei Wochen bevor wir die erste Adults Celebration auf dem Campus abhielten, hatte ich einen Motorradunfall und meinen Fuss schlimm verletzt. 12 Nähstiche brachten meine Zehen wieder in die richtige Position. Eine hässliche, tiefe Fleischwunde. (Ja, Dank Gott, dass es nicht schlimmer war.) Darum konnte ich für mehrere Wochen nicht ohne Stöcke gehen, geschweige denn auf dem Campus arbeiten. Unnötig zu sagen, dass ich nicht happy war. Ich habe mich so auf den Umzug und den Stress in den letzten Stunden gefreut. Weisst du, diese Atmosphere, gefüllt mit Vorfreude, da wollte ich dabei sein! Und nun lag ich verletzt in meinem Bett zuhause, und konnte nur zuhören, was so abging. Kein Zuckerschlecken. Oft erwischte ich mich dabei, wie ich mir wünschte, dass der Unfall ein paar Wochen später erst passiert wäre. Ich war frustriert.

Erst während der ersten Celebration selber, realisierte ich, dass die Wunde der einzige Weg war, mich auf meinem Stuhl zu behalten. Mich auf die Celebration zu konzentrieren und sie geniessen zu können. Zuzuschauen statt zu arbeiten. Nicht, dass ich das so gewollt hätte, aber es war eine spannende Erfahrung. Mein Team ist gold wert, sie trugen mich herum, servierten mir Essen und gaben alles um mich glücklich zu machen. Und der Abend war defintiv ein Erfolg!

Einige Wochen später feierten wir das Grand Opening der Celebration Hall. Ich war immer noch nicht 100% fit. Jedoch ist das der Moment, wo ich einfach nochmals merken konnte, was für ein geniales Team hinter mir steht. Wir ehrten Koni und Barbara, welche so viel Zeit, Geld und Arbeit in die einst vertrocknete Wiese investiert hatten. Sie sind ein Segen für uns als ICF Cambodia, unser Campus Team und definitiv für mich persönlich. Ich weiss immer noch nicht, warum Koni auf diese absurde Idee kam, mir die ganze Baustellenleitung vor drei Jahren zu übergeben. Ich – damals gerade so 20 Jahre alt, hatte null Erfahrung in Leiterschaft, geschweige denn über das Arbeiten auf einer Baustelle. Ich meine, das einzige, was ich bis dahin fertiggebracht hatte, war eine Lehre – im Büro, als Kauffrau. Weit, sehr weit von irgendeiner Baustelle entfernt. Jedoch glaubte Koni immer in mich und meinen gesunden Menschenverstand und pushte mich weit jenseits meiner Grenzen, meines Wissens und meiner Fähigkeiten.
Vielen Dank für dieses atemberaubende Abenteuer, Koni und auch ND, der sicherlich auch bei der Entscheidung dabei war. Ich würde definitiv nicht sein, wo und wer ich jetzt bin, wenn ihr nicht diesen wahnsinnig riesigen Kübel Vertrauen in mich geschüttet hättet. Und auch die Zeit, das Wissen, die Ermutigungen und alles, was mich weiter und weiter pushte. Und mir half, nicht aufzugeben. Weder weiss noch verstehe ich nicht, wie ihr nie aufgehört habt, an mich zu glauben.
DANKE!

ICF Campus 2015-2017 – Fortschritte der Baustelle.