Keine Sonne ohne Schatten

Was du gleich zu lesen bekommst, ist anders, als alles, was ich soweit veröffentlicht habe. Es handelt sich um die andere Seite. Ehrlich wird reflektiert und wiedergegeben, was man auf meiner vor Optimismus strotzenden Webseite vielleicht nicht erwartet.

Über ein Jahr ist vergangen, seit ich die Schweiz verlassen habe. Ich kann mich noch so gut daran erinnern, als wäre es gestern gewesen und doch scheint schon eine Ewigkeit dazwischen zu liegen. Die Reise war lang, dauerte über 30 Stunden, während denen ich drei Mal das Flugzeug wechseln musste. Ja, ich mach viel, um Geld zu sparen. Und ja, ich habe den einen Flug verpasst, weil der davor Verspätung hatte. Grins. Und falls ich das damals als „Wahnsinnsherausforderung“ bezeichnet hätte, würde ich heutzutage jene Gedanken auslachen. Es gibt um einiges grössere Herausforderungen in einem Leben im Ausland. In einem Leben als Ehrenamtliche in einem gänzlich fremden Umfeld mit einem Haufen Situationen, die man konfrontieren, mit denen man umgehen und an die man sich gewöhnen muss.

DIE eine

Schon einige Male wurde ich gefragt, was denn nun DIE SCHLIMMSTE Herausforderung ist. Naja, das ist definitiv keine einfache Frage. Und ich schätze, jede Persönlichkeit unseres Teams würde diese Frage anders beantworten.
Ich behaupte, es gibt keine. Es gibt keine SCHLIMMSTE Herausforderung. Viel mehr ist es eine Kombination von verschiedenen Hindernissen, welche manchmal grösser, manchmal kleiner erscheinen und manchmal auch gar nicht aktuell sind – wahrscheinlich abhängig von Zeit, neuesten Ereignissen und Problemen, Laune.

Offensichtlich und entsprechend einfach zu konfrontieren

Zum Einen gibt es mal die offensichtlichen Sachen. Dinge wie Klima, Nahrung, Lebensqualität. Ich würde meinen, mit denen werde ich tiptop fertig.
Natürlich ist das Wetter alles andere als vergleichbar mit dem der Schweiz. Unnötig zu erwähnen, dass ich wie ein Monster (oder ein Schweinchen?) schwitze und manchmal sogar den – eigentlich gehassten – Winter vermisse. Jedoch ist das alles nur gewöhnungsbedürftig. Gewöhnen muss man sich daran, dass man mehrere Liter pro Tag hinunterleert und trotzdem nie aufs Klo muss. Oder daran, dass man Warmwasserduschen hat obwohl es weit und breit keinen Boiler gibt und das Wasser einfach nur von der Sonne grosszügig erhitzt wird. Oder daran, dass es bestimmt genau dann wie aus Kübeln schüttet, wenn man eine wichtige Sitzung hat und keine Zeit hat, das Ende des Regens abzuwarten.
Ernährungsprobleme? Was ist das? Ist es essbar? 🙂 Ich hab das nicht – Gott sei Dank. Ein kambodschanischer Kumpel meinte mal: „Dass du jemals verhungern könntest, ist unvorstellbar. Du isst ALLES.“ Ich schätze, das tue ich – darum kenne ich auch jegliche Art von Bauchschmerzen und Verdauungsproblemen. Um ehrlich zu sein, ich habe sogar Sachen gegessen, die ich NIE probieren wollte – und als ich das Zeug hineinstopfte, hoffte ich, dass ich es so ungeniessbar finden würde, dass ich es nie mehr esse. Doch das ging nicht immer auf. Es gibt viel komische Sachen hier. Aber das ist ein anderes Kapitel. Trotzdem muss ich fairerweise gestehen, dass ich viele Leckereien vermiss(t)e: trinkbares Hahnenwasser, Schweizer Käse, Schweizer Schokolade, Schweizer Würste – Bratwurst (!), Schweizer Honig, Haselnussjoghurt, … . Es ist eine lange Liste. Besucher und Geschenke von Freunden und Verwandten versuchen meinen Kühlschrank mit eben diesen Sachen voll zu halten. 1000 Dank. 😉
Ich fühle mich mit der Fähigkeit gesegnet, mich wohlzufühlen, wo auch immer ich hinkomme und mich an den dort herrschenden Lebensstandard zu gewöhnen, auch wenn er von dem in der Schweiz extrem abweicht. Einmal mehr muss ich festhalten, was für ein unglaubliches, unverdientes Privileg es ist, in einem Erstweltland aufzuwachsen. Das nächste Mal, wo du dich darüber beklagst, das du schon wieder in der Businessklasse des Zuges stehen musst oder der Kaffee im Starbucks tatsächlich 30 Sekunden länger braucht als normal, oder an deinen Nerven wegen eines anderen Luxusproblems gezerrt wird, lege ein STOP ein und denke über Menschen nach, die tatsächlich mit viel seriöseren Probleme kämpfen: Zum Beispiel wie sie genug Geld/Essen fürs Abendessen ihrer Familie besorgen können. Oder wie sie überleben können, da ihre Mutter gerade an Malaria gestorben ist. Oder wie sie wegkommen von Slums, Kinderarbeit, Missbrauch, Menschenhandel, Ausnützung, … . Es mag übermotiviert klingen, aber ich finde, in Ländern wie Kambodscha wird man mit Alltagsproblemen konfrontiert, von welchen man vielleicht nicht mal wusste, dass sie existieren. Und dann definiert man Dinge wie der Mangel von öffentlichen Verkehrsmitteln, ein verspäteter, kalter Kaffee oder ein Haar im Gericht als irrevelant.

Kulturelle Differenzen

Wo auch immer du hingehst in der Welt, die Kultur dort wird anders sein als deine und ich glaube, du wirst den einen Teil als „gut“ bezeichnen und den andern wird für dich nie Sinn machen. Als wohnhafter Ausländer möchtest du dich anpassen und nicht für immer den „komischen, weissen Ausländer“ bleiben. Doch bleiben wir realistisch, du kannst schlichtweg nicht jedes Detail der Kultur verstehen, geschweige denn befürworten. Und auch du selber wirst immer anders bleiben. Es gibt 1001 Fettnäpfen; einige sind unvermeidbar. Sie gehören zum Leben im Ausland. Punkt.
Die Schwierigkeit erreicht ihren Höhepunkt, wenn dir Sachen vorgeworfen werden, welche für dich nicht nur Kleinigkeiten sind, sondern auch in deiner Kultur niemals Streit verursachen würden. Und natürlich dasselbe umgekehrt: Ein einfaches Beispiel ist das Lügen: Was in ihrer Kultur als ganz normal und legitim angeschaut wird, ist in westlicher Kultur ein Vertrauensbruch. Ganz einfach. Mit solchen Differenzen umzugehen ist nicht einfach. Denn sie kommen immer und immer wieder vor. Und sind wohl ebenfalls unvermeidbar. Egal, ob „schuldig“ oder „unschuldig“ – was sowieso öfters auf die Sichtweise drauf ankommt -, es kann sehr verletzend sein – für beide Seiten natürlich. Es kann Motivation, Fröhlichkeit, Selbstvertrauen, Freundschaften und Teams zerstören. Auch wenn man es ausdiskutiert und einen Schlussstrich zieht, es hinterlässt Spuren.

Finanzen

Geld. Immer ein tolles Thema, oder? Besonders für Schweizer, die das Bankgeheimnis bis ins tiefste Privatleben einhalten. Ich wurde erzogen, das Geld, welches man verdient auszugeben. Keinen Rappen mehr. Was zweifellos eine gute Lektion war. Zum Zeitpunkt, als ich angefangen habe, über einen Missionseinsatz in Kambodscha nachzudenken, realisierte ich, dass dieses Prinzip wohl in gewissem Masse über den Haufen geworfen werden muss. Anders als zuvor, würde ich nun nicht mehr von einer Unternehmung entlöhnt werden, sondern musste tatsächlich Menschen um Geld fragen! Der Start eines Missionseinsatzes im Ausland bedeutete das Ende von einem monatlichen, sicheren, stabilen Einkommen. Schon bald lernte ich, dass auch Sponsoren ihre verschiedenen Lebensabschnitte haben und entsprechend kommen und gehen. Noch heute bin ich jedes Mal, wenn ich mein Bankkonto anschaue, aufgeregt, was wohl bald zum Vorschein kommen würde. Gleichzeitig bin ich meist positiv erstaunt, dass so viele Menschen an mich und mein Tun glauben und darin investieren. Es war nicht immer positiv und überwältigend sondern auch herausfordernd. Ich lernte – und lerne immer noch – voll auf Gott zu vertrauen. Er hat versprochen mich zu versorgen (Bsp. Lukas 12.22ff). Und seine Versprechen hat er schon immer eingehalten. Manchmal einfacher gesagt als getan, ja.
Ehrlich gesagt ringe ich manchmal noch damit, Geld anzunehmen. Und Gedanken, wie ich es am besten und sinnvollsten ausgebe, sind meine schlimmsten Begleiter. Ich liebe es, grosszügig zu sein und zögere selten, wenn ich die Gelegenheit kriege, Freunde auf ein Essen einzuladen, einen Helm zu kaufen, Schulgebühren zu übernehmen, etc. Aber gleichzeitig frage ich mich auch, ob es nun ok ist, in eine Massage für ein paar Dollar zu gehen oder nicht. Ob ich es will oder nicht, ich überlege mir immer zweimal, ob der Dollar richtig ausgegeben ist.

Zeitmanagement

„Nein“ sagen. Eine klare Grenze zwischen Freizeit und Arbeit haben. Ich bin in beiden keine Streberin. Wie kann ich „nein“ zu etwas sagen, das ich liebe? Wenn ich meine Leidenschaft darin sehe? Ich habe noch nicht den besten Weg gefunden.
Was ich heutzutage weiss – und ich hasse es zuzugeben – ist, dass ich tatsächlich manchmal zu viel gearbeitet, oder einfach zu wenig ausgeruht und auf mich geschaut habe. Jene, welche mich gut kennen, können sich nun mein Gesicht vorstellen, während ich auf den Bildschirm schaue und meine Finger im Mordstempo auf die Tastatur sausen lasse. Meine Augen rollend, meine Nase gerümpft, meine Lippen zusammengepresst. Es gab Tage in der Vergangenheit, wo ich vielleicht einfach mal hätte „nein“ sagen oder anderen etwas abgeben hätte sollen. Schätze, das habe ich inzwischen eingesehen. Ich kann noch viel lernen 🙂 Für mich ist es einfach noch immer ein Widerspruch „nein“ zu etwas zu sagen, wenn man es doch so gerne macht. Ich glaube, ich habe schon viel über Zeitmanagement gelernt, aber noch lange nicht ausgelernt.

Verständnisschwierigkeiten

Von Einheimischen sowie Leuten in der Schweiz oder sonstwo in der Welt verstanden zu werden finde ich überhaupt nicht selbstverständlich. Ersterwähnte empfinden alles als vertraut und normal. Die meisten haben noch nie im Ausland gelebt, geschweige denn in einem Land, welches so extrem anders ist im Vergleich zu ihrem Heimatland.
Währenddessen sind die Umstände für zweitere total fremd und schwierig zu verstehen. Die meisten waren noch nie hier, kennen die Rahmenbedingungen nicht – oder nur begrenzt. Zudem haben die meisten noch nie für Monate im Ausland gelebt und gearbeitet.
Entsprechend sieht man oft Bilder und Aussagen auf den Social-Media und hört lustige und interessante Geschichten. Warum? Lüge ich? Nein. Weil ich einfach nicht gerne über Negatives rede. Freunde und Co. sagen mir immer wieder, wie froh sie sind, dass ich immer so glücklich aussehe und scheinbar auch bin und dass ich mein Leben wohl in vollen Zügen geniesse, … . Und das stimmt!
ABER, das ist nur die eine Seite!
Sogar Menschen, welche mir extrem nah stehen waren überrascht, wenn ich sie bat, für mich zu beten oder wenn ich erwähnte, dass ich schon viele Tiefs überwinden und die eine oder andere Krise durchstehen musste. Und dass ich schon ein paar Mal kurz davor war, alles abzubrechen und abzuhauen. Manche waren geschockt. Und vielleicht bist du das nun auch. Und das ist ok. Absolut ok.
Aber mach mir zukünftig bitte einen Gefallen: Nimm Facebook & Co. nicht als 100%igen Repräsentant meines Lebens. Es ist nicht nur gefüllt mit Gelächter, grossartigen Abenteuern, Spass und Partys. Ich bin einfach nur nicht diese Art von Person, welche gerne jedes Depressiönchen veröffentlicht und offiziell um Mitleid bittet. Und auch nicht die, die alles und jeden öffentlich kritisiert.

Es gibt immer zwei Seiten. Lass dich nicht von den sonnigen Aussagen und Fotos blenden. Auch Regen gehört dazu. Und nicht nur Regen, sondern auch Stürme, Windstösse, Erdbeben alias einfach einmal kräftig von den Umständen durchgeschüttelt zu werden. Enden will ich mit einem eher zynischen, aber manchmal so passenden Spruch:
„Wir sind auf dem Berg. Jetzt geht’s bergab.“ Grins.