Von Sandstürmen, Eiscreme und Freundschaft

Eine wundervolle Ära kam vor ein paar Wochen zu einem Ende. „Meine“ Fahrer verliessen die Baustelle Elevate. Es war an der Zeit, zumal die erste Bauphase vollendet ist. Und zumal die Regensaison langsam anfing und es wegen dem Schlamm immer schwieriger wurde, mit den Lastwagen zu fahren.

Zusammen standen wir früh auf und arbeiteten bis spät. Wir schwitzten. Wir feierten und tanzten. Spielten Fussball mit leeren Wasserflaschen – Recycling! Gingen schwimmen. Lachten, scherzten, genossen unsere Freundschaft. Feierten Geburtstag. Zusammen litten wir, wenn ein Lastwagen steckenblieb oder eine Maschine kaputt ging. Wir suchten Schutz vor dem starken Wind oder Regen. Sie lehrten mich, den grossen Bagger zu fahren (- nicht einfach!). Mehr Khmer zu reden und verstehen. Und sie lehrten mich viel über ihr Leben, ihre Familie, ihre Kultur. Doch meine Versuche, ihnen Englisch oder Schweizerdeutsch beizubringen, scheiterten kläglich.

Sie sind mehr als Arbeiter. Eher wie Freunde – oder sogar Brüder für mich.

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Ihr Alter reicht von 16 bis 35 Jahre – manche sind Single, manche haben eine Familie. Einer brachte seine Söhne nach Elevate, weil er fand, dass sie auch lernten sollten, Lastwagen zu fahren. Sie selber brachen ihre Schule früh ab und lernten stattdessen mit grossen Maschinen umzugehen. Während fünf Monate investierten sie ihr ganzes Leben in unsere Baustelle. Sie kochten & assen, wuschen & duschten, schliefen am Boden oder in Hängematten & feierten in unserer Elevate Wüste.
24 Stunden am Tag.
7 Tage die Woche.
Ich habe grossen RESPEKT für diese Männer.

Eine wundervolle Ära.

Ab und an brachte ich Drinks und zelebrierte mit ihnen. Zelebrierte ihre harte Arbeit, ihre Ausdauer, ihr Willen zu verzichten. An Khmer Neujahr brachte ich ihnen Eiscreme. Ihre Reaktion verblüffte mich wahnsinnig. In der Schweiz würde man sagen “ wirklich, Eiscreme?!? Und wo ist der Schokoladenkuchen?!“. Aber nicht in Kambodscha: Beinahe tanzten sie herum, ruften „“Mien carem! Vivi deng carem chignang nas!!!“ („Es gibt Eiscreme! Vivi kaufte leckere Eiscreme!!!“). Manche Mitarbeiter, die von der gleichen Firma sind aber wo anders arbeiten, kamen ein bisschen später. Jedes Mal, wenn jemand ankam, wiederholten sie ihren Freudentanz. Immer und immer wieder. Unbezahlbar. Das macht mich glücklich: Sie glücklich zu sehen.

Unbeschreiblich.

Falls ich eine Wahl hätte zwischen Eiscreme für diese Jungs kaufen oder im Lotto zu gewinnen, ich würde die erste nehmen. Oder vielleicht das Geld und dann damit ein paar Tonnen Eiscreme für sie kaufen. 😉

Es war nicht immer cool. Wann auch immer eines ihrer eher alten – um nicht zu sagen antiken – Vehikel kaputt ging, litten wir zusammen. Meistens würde es nur „muy maung theat“ („eine Stunde noch“) dauern, um es zu flicken. Sie legen nicht so wert auf Zeit wie man es im Westen macht. Überhaupt. Nicht. Keine Überraschung also, wenn diese eine Stunde drei Stunden, oder Tage meinen konnte…
Einmal blieb sogar der kleinere Bagger stecken. Ich fühlte mich, als ob ich im „Baustellen-Schiffli-versenken“ gewonnen hätte. Mit dem grossen zogen wir ihn dann hinaus – was fast schon romantische Gefühle hervorzauberte… Grins.

Zu allem hin bemühte ich mich, ihnen Ehrlichkeit besonders im Bezug auf Arbeitsstunden beizubringen. Das war ein-, zweimal der Grund für kleinere Schwierigkeiten, welche wir jedoch – glücklichweise – immer schnell lösen konnten.
Ich bewunderte ihre Flexibilität. Nicht selten hatten wir Planänderungen und vor allem auch komplexe Anforderungen, welche sie nicht immer vor Freude herumspringen liessen. Doch trotz allem blieb meist das Lachen im Gesicht und die Motivation im Herz. Immer wieder wurden sie herausgefordert, an ihre Fähigkeiten und Talente zu glauben und sich selber zu zeigen, dass sie KÖNNEN.

Ich denke, ich sollte auch nicht weglassen, dass wir natürlich auch Missverständnisse hatten. Einige waren lustig. Einige waren frustrierend. Doch alle liessen uns als Team und Familie zusammenwachsen. Und wir erfanden gezwungenermassen neue, kreative Wege, etwas zu erklären: mit Händen und Füssen, Zeichnungen, etc. Einmal wollte ich, dass sie drei Lastwagenladungen Erde an ein bestimmtes Ort kippen. Ich sagte „Som lahn bye theat dinu“. Der Baggerfahrer und ich hatten eine kurze Diskussion, in der ich versuchte, meinen Punkt klarzumachen, jedoch hörte er nicht auf zu fragen, ob ich nun drei Lastwagen inkl. oder zusätzlich zu den beiden wollte, die wir bereits hatten. Seine Fragen, welche meiner Meinung nach überhaupt nicht zum Thema gehörten, verwirrten mich. Schlussendlich musste ich Bora finden, der mir aushalf. Er belehrte mich mit dem breitesten Grinsen, dass ich hätte sagen sollen „“Som bye lahn theat dinu“. Der andere Satz wäre korrekt gewesen, wenn ich über drei Lastwagen statt Ladungen geredet hätte. Uuuups. Die Wortreihenfolge kann so wichtig sein! 🙂

Es existieren dutzende lustige Storys. Wir haben echt viel zusammen erlebt.

Als sie die Elevate Wüste verliessen, fuhren sie direkt zur Garage ihrer Unternehmung zur Fahrzeugunterhaltung. Natürlich konnte ich es nicht lassen, sie zu besuchen. Das Bild von meinem ersten Besuch werde ich wohl nie vergessen: Der Bulldozer stand schräg in der Weltgeschichte, Lastwagen waren ohne Räder, Werkzeuge, Motorkomponenten, Filter, usw. waren rund um die Fahrzeuge verstreut. Das Lager ist randvoll mit halb-toten Maschinen. Der grosse Bagger braucht viel Aufmerksamkeit, beiden „Beinen“ waren die Raupen abgenommen, und viele andere undefinierbare Einzelteile lagen herum. Ich wunderte mich einmal mehr, ob sie eigentlich immer ein wenig basteln oder tatsächlich wissen, was zu tun ist. 😉
Heutzutage, etwa einen Monat nachdem sie Elevate verlassen haben, sind alle wieder auf der Strasse. Nur manchmal kommen sie zurück wegen kleineren Problemen. Ausser der grosse Bagger, welcher noch mehr Zeit braucht um startklar zu werden. Seit einem Monat sagen sie, nur noch einen Monat. Naja, wird wohl länger dauern…

Ich werde in Kontakt bleiben. So gut wie möglich. Ich besuche sie. Sie besuchen mich. Was auch immer passiert.
Und ich hoffe, dass wir nächstes Jahr die gleichen Fahrer kriegen. Ich freue mich jetzt schon auf eine Fortsetzung dieser wundervollen Ära!!

ein Teil meiner erweiterten Familie