WER IST MAB?

Analphabet. Ungebildet. Ein Niemand. „Überleben“ ist die ganze To-Do-Liste. „Karriere“, „Aussichtsvolle Zukunft“, „Riesiges Potential“ – Wörter ohne Bedeutung. Nur in seinen wilden Träumen existieren sie – wenn überhaupt. Und wahrscheinlich bleibt es auch so.
Er ist 23 Jahre alt, Ehemann, Vater eines kleinen Jungen. Raucht 2 Packungen täglich. Arbeitet auf der Baustelle seit 10 Jahren. Ein Jubiläum, welches niemand feiert. Niemand wahrnimmt.

Er ist arm. Aber nicht mit leeren Händen.

In unserer Bausaison 2017 war er einer von 50 Saisonarbeitern. Ich kannte nur die aussergewöhnlich Guten und Schlechten. Er gehörte zur ersten Gruppe. Er überraschte immer wieder mit seinem Engagement. Wegen seiner Bereitschaft zu helfen und die schwierigen Aufgaben zu erledigen fiel er oft auf. Ebenso bemerkenswert war sein Lächeln, welches selten verschwand. Trotz Hitze. Trotz Schweiss. Trotz harter Arbeit.
Es faszinierte mich.

IMG_3761-2

Am Ende der Saison, durfte ich zwei Arbeiter im Campus Team anstellen. Zu meiner Freude nahm er das Jobangebot an. Sein Leben wird sich nun radikal verändern. Von einem rastlosem „ständig-auf-Achse“ zu fixen Arbeitszeiten und -Tagen, Struktur, Regeln, Eingliederung in eine Organisation. Verlockend und der Traum für die einen. Herausfordernd für einen Freiheitstypen wie ihn, welcher noch nie vielen Regeln folgen musste, sondern einfach immer kündigen und zu einer anderen Baustelle wechseln konnte, wenn ihm etwas nicht mehr passte.

Und dies machte er. Nach sechs Tagen verschwand er. Ich bat ihn zu einer letzten Sitzung um ihm sein Gehalt zu zahlen. Ich erklärte ihm, wie dies komplett gegen meinen Wunsch war und ich aber genau wusste, dass ich ihn gehen lassen muss. Ich beschrieb ihm das grosse Potential, dass ich in ihm sah. Wie er noch viel grössere Dinge tun wird, als je zuvor. Wie er Träume verfolgen wird, welche momentan so wahnsinnig erscheinen. Worte, die er wahrscheinlich noch nie gehört hat.
Zum Schluss versprach ich ihm, für ihn zu beten und immer eine Türe für in offen zu halten.
Kurz darauf kamen gemischte Gefühle auf. Habe ich ihn so falsch eingeschätzt? Ich war traurig und frustriert, einen vielversprechenden Mitarbeiter verloren zu haben, der eine Einstellung hatte, welche sich jeder Leiter nur wünschen kann. Meine Gefühle gab ich Gott ab und betete, dass er ihn zurückbringen würde.

Merkwürdigerweise kam plötzlich eine Gewissheit auf, dass er zurückkommen wird. Ich hörte auf zu beten und begann zu vertrauen. Statt einen anderen anzustellen, wartete ich einfach.

Eines Tages, berichtete mir ein Kumpel, dass er Mab auf einer anderen Baustelle gefunden hat. Dort besuchte ich ihn und fragte, ob er wieder bei uns anfangen möchte. Er fühlte sich geehrt, blieb aber, wo er war.
Zwei, drei Tage später, rief er mich an und erzählte mir die guten Neuigkeiten. In unserem ersten Treffen, versprach er mit seinem typischen, breiten Grinsen: Dieses Mal bleibe ich lange. Ich glaubte ihm ohne jeglichen Zweifel.

Während unseren ersten 1 zu 1 Coachings, redeten wir über seinen Zigarettenkonsum. Mab erklärte seinen Kampf, aufzugeben. Wir beteten. Gott wirkte. Ein Wunder passierte und er hörte auf zu rauchen ohne weitere Probleme. Kurz darauf entschied er sich, sein Leben Gott zu widmen und liess sich taufen.

Zwei Jahre später liebe ich immer noch Mab’s echtes Lächeln. Seine Einstellung ist nach wie vor unglaublich. Mab bewältigt Hindernisse mit seiner eigenen Kreativität. Obwohl er weder lesen noch schreiben kann, führte er kürzlich 45 Saisonalarbeiter für ein grosses Projekt. Er übernimmt viel Verantwortung, bleibt lernfähig und bescheiden. Er macht Fehler und wächst daran. Auch wenn ich konstruktives Feedback habe, bleibt er positiv und macht Witze.

Mab ist vielleicht Analphabet. Ungebildet. Aber sein Charakter ist unbezahlbar, sein Herz gross, seine Leistungsbereitschaft hört nicht auf. Mab gibt nicht mehr auf. Er gibt alles und erreicht Ziele weit jenseits seiner Träume. Er kommt nicht mit leeren Händen. Er besitzt nicht mehr als Talente. Und diese hat er investiert. All in. Er gab sein bestes, obwohl – für zehn Jahre – ihn niemand gesehen hat. Ausser Gott.

Mab inspiriert mich – tagtäglich.

Deine Umstände sind vielleicht nicht vielversprechend. Aber deine Hände sind nicht leer!